Selbstverwirklichung - Sinn und Unsinn eines BegriffsWachstum, Entfaltung des eigenen Potentials, Selbstverwirklichung (oder im Englischen Self-Actualization) sind Wörter, die für viele Menschen eine wichtige Rolle spielen, ja man könnte sagen, dass sich mit ihnen Glaubensvorstellungen verbinden, die einer Religion ähneln. Wo aber gehört der Begriff Selbstverwirklichung hin? Zu Psychologie, Biologie, Philosophie, Religion, zum Coaching oder auf die Müllhalde der Geistesgeschichte?
Obwohl schon Aristoteles über die Entelechie (das Innehaben des Ziels) sprach, wurde der moderne Begriff erst im 20. Jahrhundert wissenschaftlich geformt. Der Neurologe Kurt Goldstein prägte den Begriff in seinem Werk „Der Aufbau des Organismus“. Er betrachtete Selbstverwirklichung als einen biologischen Drang, als Triebkraft eines Organismus, all seine Kapazitäten auszuschöpfen. Ein Organismus strebt danach, seine Integrität zu wahren und sein Potenzial in der Umwelt zu entfalten.
Abraham Maslow ist der Name, den die meisten heute mit dem Begriff verbinden. In seinem Aufsatz „A Theory of Human Motivation“ stellte er die berühmte Bedürfnishierarchie vor. Selbstverwirklichung steht an der Spitze der Pyramide. Er definierte es als das Verlangen, immer mehr das zu werden, was man ist, und alles zu werden, wozu man fähig ist. Im Gegensatz zu Goldstein sah Maslow es als ein "Wachstumsbedürfnis", das erst richtig aktiv wird, wenn Defizitbedürfnisse (wie Hunger oder Sicherheit) gestillt sind.
Der Psychotherapeut Carl Rogers integrierte das Konzept in seine klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. Er glaubte, dass jeder Mensch eine innere Tendenz hat, sich selbst zu erhalten und zu fördern. Psychische Probleme entstehen laut Rogers dann, wenn diese Entfaltung durch äußere Bedingungen (z.B. mangelnde Akzeptanz) blockiert wird. Maslow und Rogers gelten als Gründerfiguren der so genannten humanistischen Psychologie, die sich weniger an Defiziten als an positiven Möglichkeiten orientieren wollte.
In der Psychologie wurde darüber debattiert, ob die Thesen der humanistischen Psychologie wissenschaftlich prüfbar sind. Kann man Selbstverwirklichung wirklich messen? Was "volles Potenzial" bedeutet, ist subjektiv. Für den einen ist es das Malen von Meisterwerken, für den anderen die Erziehung von Kindern. Kritiker werfen dem Konzept vor, sehr westlich und individualistisch geprägt zu sein. In kollektivistischen Kulturen wird "Selbstverwirklichung" oft durch den Beitrag zur Gemeinschaft definiert, nicht durch die eigene Entfaltung. Die humanistische Psychologie verschwand zusammen mit ihren Therapien aus den Universitäten und Ausbildungsstellen.
Die so genannte Positive Psychologie versucht, das Erbe anzutreten. Moderne Forscher dieser Richtung haben das Konzept in messbare Faktoren zerlegt: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Diese drei Faktoren sind empirisch extrem gut belegt und gelten als moderne, wissenschaftliche Entsprechung der Selbstverwirklichung.
Was aber wird aus der Idee, dass wir ein Potential in uns tragen, dass es zu entfalten gilt?
Ist das – wenigstens als Glaubensvorstellung oder Orientierung - noch sinnvoll?